"Das Ohr auf das Dorf legen", beschreibt die Anthropologin und Humanökologin Mag. Ulrike Bechtold ihre Arbeit der letzten drei Jahre. Mit ihrem Kollegen Ao. Univ.-Prof. Dr. Harald Wilfing, Leiter der Forschungsgruppe Humanökologie am Department für Anthropologie, untersuchte sie die Sozialstruktur des Dorfes Leymebamba (Bezirk Amazonas). Diese veränderte sich mit der Entdeckung der Nekropole in der Laguna de los Cóndores, der anschließenden Erforschung der Chachapoya-Inka unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Horst Seidler und der Errichtung eines Museums. "Die Nähe des Museums bewirkt nicht nur eine vertiefende Identifikation mit der historischen Chachapoya- Kultur, sondern hat auch Bedürfnisse geweckt, Hoffnungen entfacht und Ängste verstärkt", sagt Harald Wilfing.
"Wir wollten das komplexe soziale Gefüge von Leymebamba auf verschiedenen Ebenen, mittels qualitativer und quantitativer Methoden analysieren und darstellen", so Ulrike Bechtold. Unter dem Gesichtspunkt der nachhaltigen Entwicklung wurden unter Beteiligung der Bevölkerung Perspektiven für die Bereiche Tourismus, Landwirtschaft und Infrastruktur erarbeitet. Die Ergebnisse des vom BMBWK geförderten humanökologischen Projekts liegen in Bechtolds eben fertig gestellter Dissertation vor.
Nachhaltige Entwicklung für Landwirtschaft und Tourismus
Rund 500 Familien bzw. 3500 Personen leben im Bezirk Leymebamba, das aus dem Dorf und neun zum Teil sehr abgelegenen Streusiedlungen besteht. Der Lebensunterhalt wird überwiegend in der Landwirtschaft verdient, seit der Entdeckung der Mumien hat aber auch der (Wissenschafts-)Tourismus eingesetzt. Gerade im Bereich Tourismus hätte sich ein breites Meinungsspektrum in der Bevölkerung gezeigt, nennt Wilfing eines der Ergebnisse aus Interviews mit HauptakteurInnen der Gemeinde, die im Rahmen eines Forschungsaufenthalts 2004 geführt wurden. "Zwischen 'Je mehr Touristen, desto besser' und dem Anspruch, Qualitätstourismus für wenige zu bieten, lag eine große Kluft."
Die Ergebnisse im Bereich Landwirtschaft und Infrastruktur waren da schon eindeutiger: "Die Infrastruktur des schwer erreichbaren, auf rund 2200 Meter gelegenen Ortes wird als mangelhaft erlebt", erzählt Bechtold, "auch bei der Kommunikationssituation wünschte sich die Bevölkerung Verbesserungen. Im Bereich der kleingliedrigen, von Chacren, Milchwirtschaft und harter Arbeit geprägten Landwirtschaft wünschten sich die Interviewten Hilfsmittel, etwa eine Pasteurisierungsanlage."
Partizipation der Bevölkerung
Bei einem zweiten Aufenthalt 2005 wollten Bechtold und Wilfing die Ideen, die sich aus der vorangegangenen Leitbilderhebung ergeben hatten, verstärken, und zwar unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit. "Es ging nicht darum zu sagen: 'Leute, wir machen hier Nachhaltigkeit', sondern wir wollten mit der Bevölkerung gemeinsam einen Prozess gestalten und das, was uns für den Ort als nachhaltig und angemessen erschien, verstärken", so Bechtold.
Als Aufhänger wählten Bechtold und Wilfing zwei übergreifende Projekte: Sie luden die Bevölkerung ein, die Verwaltung des von Österreich initiierten und 2003 eröffneten Sozial- und Kulturzentrums neu zu organisieren und eine Homepage für das Dorf zu gestalten. "Hatte man die Leute erst mal am Tisch, konnte man auch über die Bereiche Infrastruktur, Tourismus und Landwirtschaft diskutieren." Das theoretische Wissen der ForscherInnen über Nachhaltigkeit wurde dabei mit den Vorstellungen der Menschen aus Leymebamba in Einklang gebracht.
Selbstverwaltung des Kulturzentrums
Was die Verwaltung des Kulturzentrums betrifft, zeigt sich nun, ein Jahr nach der Reorganisation, ein großer Erfolg, sowohl von der wirtschaftlichen Seite her als auch was den Zweck betrifft: "Die Leute nehmen es in Anspruch als Ort für (Aus)Bildungs- und Kulturveranstaltungen und als Versammlungszentrum", schildert Bechtold. Im Zuge des Prozesses hätten sich auch verantwortliche AkteurInnen gebildet, die Verwaltung wurde in lokale Strukturen eingebettet. Im Bereich Tourismus hat sich die Bevölkerung Leymebambas für sanften, nachhaltigen Tourismus entschieden und könnte bald als ein Aushängeschild Perus gelten.
Weitere Nachhaltigkeitsstrategien
Die vielen Teilergebnisse der Befragungen, Analysen und Diskussionen werden nun in die Gemeinde rückkommuniziert. In Folgeprojekten sollen diese teilweise umgesetzt werden. "Im Bereich Infrastruktur können wir nicht wirklich tätig werden, indem wir konkrete Projekte entwickeln", sagt Harald Wilfing, "was wir aber liefern können, sind Empowermentstrategien: Der Bevölkerung bewusst machen, was sie wollen und wo man es herkriegt und ob das sinnvoll ist."
Besonders begeistert ist die Bevölkerung von der Nutzung des Internets im Kulturzentrum. Über die Homepage wird mit den Wiener AnthropologInnen Verbindung gehalten. Der persönliche Kontakt mit der Bevölkerung dürfte aber so bald nicht abreißen. Nachdem Bechtold und Wilfing in den letzten beiden Jahren die soziale und institutionelle Struktur erfasst haben, möchten sie in einem Folgeprojekt Basisdaten für weitere Nachhaltigkeitsstrategien im Bereich Landwirtschaft und Tourismus erheben.
Literaturhinweise:
Harald Wilfing, Ulrike Bechtold, Horst Seidler: Man Nature: Leymebamba. Bericht über die Aktivitäten 2004/2005 im Distrikt Leymebamba, Chachapoyas, Amazonas, Peru. Wien 2005 (Ministeriumsbericht).
Ulrike Bechtold: Leymebamba, Peru. Untersuchungen zur Transition eines sozial-ökologischen Systems in Richtung Nachhaltigkeit. Dissertation Universität Wien 2006.
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