18 forschungsnewsletter
April 2007
Do you speak English?
Mädchen flanieren, Buben spielen Fußball
Vernetzte Forschung: Der RNA-Faltung auf der Spur
Neue Professuren im April 2007

         
 

Rosa Diketmüller, Sportwissenschafterin

Die Pläne zeigen die geschlechterspezifischen Nutzungen des Pausenareals von Mädchen (rot) und Buben (blau). Pausenhof 1: Städtische Hauptschule

Pausenhof 2: Städtische Volksschule

  Mädchen flanieren, Buben spielen Fußball  
 

Zu den schönsten Momenten in der Schule gehört eindeutig die Pause. Wenn das erlösende Läuten der Glocken ertönt, strömen die Kinder so schnell wie möglich aus den Klassenzimmern in den Pausenhof. In der kurzen Freizeit zwischen den Schulstunden beschäftigen sich Mädchen und Burschen allerdings sehr unterschiedlich. Wie Rosa Diketmüller vom Institut für Sportwissenschaft in ihrem kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojekt "Schulfreie Räume und Geschlechterverhältnisse" herausgefunden hat, herrscht ein sehr stereotypes Geschlechterverhalten in den Pausenhöfen vor.

 

Die Zeiten, in denen sich Mädchen mit Puppen und Springseil und Buben mit Ball und Spielzeugautos beschäftigen, also ein sehr stereotypes Geschlechterverhalten an den Tag legen, scheinen noch lange nicht vorbei zu sein. "In unserem Projekt untersuchten wir das Verhalten von Kindern zwischen sechs und 14 Jahren in Pausenhöfen und fanden heraus, dass beide Geschlechter extrem dem klassischen Rollenbild entsprechend agieren. Über die letzten Jahre hat sich trotz Gender-Mainstreaming offensichtlich wenig geändert", erklärt Ass.-Prof. Mag. Dr. Rosa Diketmüller, Leiterin des im März 2007 abgeschlossenen Forschungsprojekts "Schulfreie Räume und Geschlechterverhältnisse".

Das fünfköpfige Projektteam rund um die Sportwissenschafterin Diketmüller hat die Pausenhöfe von insgesamt 20 Schulen in Wien und der Steiermark auf Geschlechterverhältnisse hin untersucht. "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Buben vorwiegend Ballsport betreiben und dadurch viel mehr Platz in den Pausenhöfen beanspruchen als Mädchen, die sich eher mit Seilspielen oder Plaudern in kleinen Gruppen beschäftigen", so Diketmüller: "Je älter die Mädchen sind, desto mehr flanieren sie herum, wodurch sie sich von den jüngeren abgrenzen."

Mädchen weniger sichtbar
Bisherige Studien zum Geschlechterverhalten von Kindern im öffentlichen Raum zeigen, dass Mädchen Freiräume wie Parks, Wiesen oder Plätze viel weniger nutzen als Buben. Besonders die so genannten "Käfige" (eingezäunte Spielflächen in Parks) werden von Bubengruppen dominiert, Mädchen sind dort kaum sichtbar. "Mich hat nun konkret interessiert, wie es sich in den Pausenhöfen von Schulen verhält. Dazu hat es bis dato nur wenige Untersuchungen gegeben", so Projektinitiatorin Diketmüller: "Schulen sind ja Orte, wo Chancengleichheit und Gender-Mainstreaming verpflichtend sind. Daher haben wir uns die Frage gestellt, ob das Nutzungsverhalten von Mädchen und Buben dort ausgewogen ist und inwieweit ein unterschiedliches Verhalten der Geschlechter existiert."

Schule ist nicht gleich Schule
Zu Projektbeginn im Mai 2005 suchte das Team zuerst nach passenden Schulen für seine Beobachtungen. Insgesamt wurden 20 Volks- und Unterstufenschulen ausgewählt, darunter zwölf in Wien und acht in der Steiermark. Die Streuung ist dabei sehr breit: von Stadt und Land über große und kleine Pausenhöfe bis hin zu ganz neuen und alten Schulen. Ein Kriterium war, dass es sich dabei um koedukativ geführte Schulen handelt, in denen die Freiräume auch regelmäßig genutzt werden.

Beobachtungen und Pläne
In der anschließenden Beobachtungsphase wurde jede der ausgewählten Schulen mindestens drei Mal besucht. Teilweise versuchte das Projektteam, das Geschehen im Pausenhof auch auf Video festzuhalten, "nur das funktionierte leider oft nicht, da die Kamera viel zu sehr die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich zog und sie dadurch nicht natürlich agierten", berichtet Diketmüller. Gleichzeitig zur Beobachtungsphase erstellte die Projektpartnerin "tilia – Büro für Landschaftsplanung" detaillierte Pläne der jeweiligen Freiräume. Auf diesen wurde im Zuge der Datenauswertung die Intensität und auch die räumliche Aufteilung der Nutzung von Mädchen (rot) und Buben (blau) grafisch dargestellt. Generell dominiert dabei die Farbe blau, während die roten (Mädchen-)Bereiche eher punktuell vorhanden sind.

Ausnahmen bestätigen die Regel
Geschlechterrollen-untypische Verhaltensweisen bildeten eher die Ausnahme. Vereinzelt spielten Mädchen beim Fußball mit oder sie waren in Raufereien mit den Burschen verwickelt. In wenigen Schulen herrschte ein ausgewogenes Nutzungsverhältnis, das heißt, dass Mädchen und Buben gleich viel Raum in Anspruch nehmen. Und nur in einer einzigen Schule nahmen die Mädchen mehr Platz ein als die Buben. "Dabei handelte es sich um eine ehemalige Mädchenschule, die erst seit wenigen Jahren koedukativ geführt wird. Die Mädchen dort sind es gewohnt, Platz zu haben und lassen sich ihre Bereiche nicht durch Fußball spielende Buben wegnehmen", so Diketmüller.

Weitere Schulen, die durch ein ausgewogeneres Verhältnis auffallen, sind solche, wo DirektorInnen und/oder LehrerInnen ein höheres Maß an Genderbewusstsein besitzen und zum Beispiel auch Zusatzaktivitäten oder Förderangebote anbieten, etwa Fußball für Mädchen. Dies übertrage sich dann meist auch auf die Pausennutzung, so Diketmüller.

Mehr Platz für Geräte
"Insgesamt zeigen die Ergebnisse unserer Studie, dass ein Ungleichgewicht in der Raumnutzung zu Ungunsten von Mädchen besteht. Aber auch, dass dieses Ungleichgewicht sehr wohl mit genderorientierten Maßnahmen behoben werden kann." Diketmüller empfiehlt unter anderem – neben einem sensiblen Umgang mit der Thematik und einer Vorbildwirkung von LehrerInnen – eine bessere Raumaufteilung der Pausenhöfe, so dass die Areale etwa nicht nur vom Fußballspiel dominiert werden.


Institut für Sportwissenschaft des Zentrums für Sportwissenschaft und Universitätssport


 
Zurück zur Übersicht der Ausgabe April 2007
 
  PDF-Version PDF-Version Forschungsnewsletter April 2007
  Druckversion
 
  Fruehere Ausgaben des Forschungsnewsletter

Impressum
Herausgeberin:
Universität Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, A-1010 Wien
Redaktion: Alexandra Frey, Michaela Hafner
Mitarbeit: Theresa Dirtl, Heidrun Huber
alexandra.frey@univie.ac.at
T +43 -1- 4277-175 31

Wenn Sie den Newsletter nicht mehr erhalten wollen, klicken Sie hier.