Die Idee, ein Sprachkorpus von Englisch als Verkehrssprache (Lingua Franca) zu erstellen, schwebte Univ.-Prof. Mag. Dr. Barbara Seidlhofer vom Institut für Anglistik und Amerikanistik schon seit einigen Jahren vor. "Das Englisch der Native-Speakers wird immer als der Maßstab schlechthin gesehen, sozusagen als das 'echte' Englisch. Diese Sichtweise steht aber im Gegensatz dazu, wie Englisch auf der Welt vorwiegend verwendet wird, nämlich als Kommunikationsmittel unter SprecherInnen verschiedener Muttersprachen", so die Linguistin: "Es ist an der Zeit, zwei Konzepte der englischen Sprache zuzulassen und sich von der Meinung zu lösen, nur das Englisch der Native-Speakers sei das einzig richtige."
Pro und contra Als Seidlhofer im Jahr 2000 bei einem Vortrag in Helsinki ihre Idee präsentierte, ein Korpus von Englisch als Lingua Franca (ELF) zu erstellen, polarisierte sie das Publikum: "Einige AnglistInnen verließen sogar empört den Saal, andere zeigten sich wiederum ungeheuer begeistert. Viele fanden es einfach nur exotisch." Innerhalb der letzten zwei Jahre ist das Thema "explodiert". Als eine der wenigen ExpertInnen weltweit zu ELF kann sich die Linguistin mittlerweile vor Einladungen zu Konferenzen und Vorträgen kaum erwehren: "Plötzlich ist ELF-Forschung international gefragt und in aller Munde. Vor kurzem hatten wir sogar eine Anfrage von Microsoft."
Gesammelte Kommunikation Um ELF wirklich umfassend "erforschen" zu können, muss erst die Basis gelegt, sprich ein Korpus geschaffen werden. Genau daran arbeitet das vierköpfige Team um Barbara Seidlhofer seit Juni 2005 im Zuge des Projekts mit dem passenden Titel "VOICE". Das Ziel: Ein rund eine Million Wörter umfassendes Sprachkorpus von ELF. "Das ist das erste Korpus seiner Art weltweit. Zuerst zeichnen wir Gespräche zwischen kompetenten SprecherInnen einer Vielzahl von Muttersprachen auf, deren primäre Bildungssprache nicht Englisch ist. Anschließend transkribieren wir die Gespräche, um sie schlussendlich in das Korpus einzuarbeiten. Gerade die Transkription ist eine Knochenarbeit", so Seidlhofer. Mit bereits weit über 180 aufgenommenen Gesprächsstunden und 500.000 transkribierten Wörtern ist mittlerweile schon mehr als die Hälfte unter Dach und Fach.
Business und Alltag Eine weitere Herausforderung ist die Suche nach typischen Settings für die Aufnahmen. Der Standort Wien ist aufgrund der Vielzahl hier ansässiger internationaler Organisationen bestens geeignet. Auf Konferenzen und Business-Meetings wird zumeist Englisch als Hauptkommunikationsmittel eingesetzt. "Auch die österreichische EU-Präsidenschaft haben wir intensiv genutzt. Wir sind von Konferenz zu Konferenz gefahren, um Material zu sammeln." Doch die internationale Geschäftskommunikation ist nur ein Aspekt des Korpus, auch der Alltag soll darin Platz finden. So zeichnen die LinguistInnen ebenso informelle Gespräche auf.
Linguistische Neugierde "Mich interessieren die unterschiedlichen Kommunikationsstrategien, die SprecherInnen anwenden. Das Niveau der Zweitsprache ist selten gleich. Also muss sich der bessere Sprecher umstellen und seine Sprache vereinfachen. Oder er bleibt stur das kommt auch vor", erklärt Seidlhofer: "Wir untersuchen dann die sprachlichen und linguistischen Feinheiten, mit denen zwei oder mehr SprecherInnen aufeinander eingehen."
Globale Gemeinsamkeiten? Ein Einwand, den Barbara Seidlhofer immer wieder hört, lautet: Millionen von Menschen unterschiedlichster kultureller und sprachlicher Herkunft verwenden täglich Englisch. ELF würde daher zu viele Gesichter besitzen. Doch dieses Argument lässt die Anglistin nicht gelten: "Konkret kann man dazu erst eine Aussage machen, wenn man sich ELF global ansieht." Zudem lassen die ersten Ergebnisse von "VOICE" die Vermutung zu, dass sich trotz kultureller und sprachlicher Unterschiede in der Verwendung von ELF Gemeinsamkeiten zeigen: "Es gibt zum Beispiel Tendenzen, 'who' und 'which' zu verwechseln oder auch das '3rd person s' fallen zu lassen egal ob japanischer oder türkischer Sprecher."
Offene Türen Die Neugierde der Fachwelt an der Entwicklung des Korpus ist groß. Erste Einblicke wird das AnglistInnenteam im Juli 2007 gewähren, wenn sich internationale ExpertInnen in Wien zu einem internen Symposium treffen. Microsoft und Co müssen sich allerdings noch etwas gedulden.
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