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Wen feuern Sie bei der diesjährigen Fußball-EM an? Eher einen "Underdog" wie Irland oder gehen Sie lieber auf Nummer sicher und jubeln den Niederländern oder Italienern zu? Als ÖsterreicherIn hat man sein Lieblingsteam zumeist in einer anderen Nation, da die Alpenrepublik ein selten gesehener Gast bei fußballerischen Großereignissen ist. Warum jemand nun zu welcher Mannschaft hält und welche soziologischen und kulturellen Faktoren dafür ausschlaggebend sind, das erforscht ein Team – Alexandra Schwell (Leitung), Nina Szogs und Felix Taschner – am Institut für Europäische Ethnologie im EU-Projekt "FREE".
FREE – Football Research in an Enlarged Europe
Im Rahmen dieses interdisziplinären Großprojekts erkunden insgesamt neun Partner aus acht Ländern – Spanien, Frankreich, Deutschland, Dänemark, Österreich, Türkei, England und Polen – den europäischen Fußballraum. Jedes Teilprojekt geht dabei einem bestimmten Aspekt des Themas nach, darunter historische, soziologische, geschlechtliche und kulturelle. Ziel des im 7. Rahmenprogramm der EU laufenden Projekts im Rahmen des Calls "The Anthropology of European Integration" ist es, ein umfassendes wissenschaftliches Bild des europäischen Fußballraums zu erhalten und somit das oftmals identitätsstiftende Massenphänomen besser zu verstehen.
Mainstream-Fußballfans im Fokus
Im Fokus des Wiener Teams steht der sogenannte Mainstream-Fußballfan und sein Alltag. "Uns interessieren keine Subgruppen wie Hooligans oder Ultras", erklärt Schwell: "Über diese Fangruppen ist schon viel geforscht worden, viel weniger Material aber gibt es zu Alltagsfans, die den Großteil der Fußballcommunity ausmachen." Wer unterstützt welches Team? Wem wird zugejubelt, wenn das eigene Team nicht dabei ist? Welche Mannschaft wird abgelehnt und warum? Spiegelt sich in Fanidentitäten die "europäische Asymmetrie zwischen Ost und West" wider?
"Gerade das sogenannte 'Secondary Fandom' ist für uns europäische EthnologInnen spannend zu beobachten, da hier historische, kulturelle und soziologische Verbindungen besonders sichtbar werden", erklärt Alexandra Schwell. So wird man zum Beispiel nur wenige ÖsterreicherInnen finden, die Deutschland unterstützen, im Gegenteil, traditionellerweise wird hierzulande die gegnerische Mannschaft der Deutschen inbrünstig angefeuert. Ähnlich dürfte es den Schotten in puncto England gehen. Wie das im kleineren Rahmen wie in der Bundes- oder Regionalliga aussieht, also abseits von Nationalitäten, auch das untersuchen Schwell und ihr Team.
Stadion, Pub und Beisl
Die EthnologInnen gehen prinzipiell davon aus, dass sich kulturelle und historische Verbindungen, sei es auf nationaler oder regionaler Ebene, auch in der europäischen Fußball-Landschaft und somit in den Fanidentitäten wiederfinden. Dabei ist klar, dass diese Forschungsarbeit nicht am Schreibtisch stattfinden kann, sondern nur im Feld. Verschiedenste Gruppen von Fußballfans zu begleiten und mit ihnen qualitative Interviews zu führen, ist daher auch die Hauptmethode im EU-Projekt.
Großereignisse wie die EM werden dabei ebenso miteinbezogen – so ist der Ankick der EM 2012 gleichzeitig auch der Beginn der Feldforschungen – stehen aber nicht ausschließlich im Fokus. Die ProjektmitarbeiterInnen Nina Szogs und Felix Taschner, die den Großteil der Interviews durchführen werden, suchen ihre Fans an Public Viewing-Plätzen, in Beisln und Pubs und auch kleinen und großen Stadien. Hier kann durchaus auch eine Fangruppe spannend sein, die im Pub um die Ecke die englische Premier League verfolgt.
Der Kopfstoß
"Es ist unglaublich spannend, in so einem internationalen Team zu arbeiten", freut sich Schwell: "Schon beim Kick-off-Meeting im April 2012 in Frankreich haben wir stundenlang über Fußball geredet und uns gegenseitig legendäre Spiele erzählt, die natürlich von Land zu Land unterschiedlich gesehen werden. Stichwort 'Wunder von Bern' – der überraschende Sieg Deutschland bei der Fußballweltmeisterschaft 1954. Hier kommen Selbst- und Fremdbilder ganz klar heraus." Kollektive Momente wie etwa der berühmte Kopfstoß von Zinedine Zidane beim WM-Finale 2006 sind nicht nur hartgesottenen Fußballfans ein Begriff. Was wohl Materazzi zu Zidane gesagt hat, das ihn so ausrasten ließ? Das wird wohl auch im FREE-Projekt niemand herausfinden, spannende Einblicke in die wohl populärste Sportart sind aber definitiv zu erwarten.
Das interdisziplinäre EU-Projekt "FREE – Football Research in an Enlarged Europe" unter Beteiligung von neun Partneruniversitäten in acht Ländern läuft im 7. Rahmenprogramm der Europäischen Union und startete im April 2012. Die Universität Wien ist mit einem dreiköpfigen Team – Dr. Alexandra Schwell, M.A. (Leitung), Nina Szogs, M.A. und Felix Taschner – vom Institut für Europäische Ethnologie mit dem Projekt "The Anthropology of European Football – Fusions and Fissions" vertreten.
Projektwebsite "FREE"
Alle Projektpartner
Institut für Europäische Ethnologie der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät
Euro 2012
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